Der Marienaltar in der Pfarrkirche
Die Weihnachtszeit lädt dazu ein, diese Kostbarkeit genauer zu betrachten. Es handelt sich um einen spätgotischen Flügelaltar. Die Gotik ist eine europäische Kunstepoche des Mittelalters, die von der Renaissance und im 17. Jahrhundert vom Barock abgelöst wurde. Nördlich der Alpen lebte aber der gotische Stil bis in die Barockzeit weiter und lässt sich vor allem in den Skulpturen und der Malerei nicht klar abgrenzen. Nach Ansicht der Kunstexperten wurde der Marienaltar etwa um 1620 geschaffen. Er setzt sich aus einem feststehenden Mittelteil und den Flügeln links und rechts zusammen. Diese Altarform war in der Gotik weit verbreitet.
Geschichte des Altars
Wahrscheinlich stand der Altar ursprünglich in der Kirche von St. German. Im 18. Jahrhundert wurde er barock übermalt und auf die Alpkapelle Raaft versetzt. Zu diesem Zeitpunkt scheinen die zwei schwebenden und die Krone von Maria tragenden Engel entfernt, und in den neuen Barockaltar von St. German eingebaut worden zu sein. Pfarrer Emil Schmid, gebürtiger Ausserberger, damaliger Kaplan von St. German und Mitglied der Alp-Geteiltschaft Raaft, veranlasste, dass dieses Kunstwerk vom Raaft in die Pfarrkirche von Ausserberg gestellt wurde. Gleichzeitig liess er auch die zwei verirrten Engel wieder an ihren angestammten Platz zurückholen. Ein einheimischer Kunstmaler entfernte die barocke Übermalung. Die Einweihung fand anlässlich der Firmung am 19. März 1958 statt. Da die besagte Restauration laut einem Kunsthistoriker missglückt war, setzte sich der amtierende Pfarrer Alois Bregy für eine fachgerechte weitere Restauration ein. Nach gründlicher Abklärung stiess er auf den Kunstmaler Hans Uriel Fassbender aus Luzern. An Weihnachten 1970 konnten die restaurierten Bildtafeln bewundert werden.
Der Marienaltar
Dargestellte Szenen und Figuren
Feststehender Mittelteil, sogenannter Schrein: Die zentrale Figur stellt Maria mit ihrem Kinde dar. Die Darstellung Marias, einer sogenannten Mondsichelmadonna, findet eine Parallele in der biblischen Offenbarung von Johannes im 12. Kapitel: „Ein grosses Zeichen erschien am Himmel, eine Frau, mit der Sonne umkleidet, der Mond unter ihren Füssen und auf ihrem Haupt ein Kranz von 12 Sternen“. Es gibt auch eine astronomische Erklärung: „Wenn die Sonne ins Sternbild der Jungfrau tritt, umgibt sie dieses mit ihrem Glanz und der Mond, der im Süden der Jungfrau zu sehen ist, liegt ihr scheinbar zu Füssen“. Die Christen sahen in dieser astronomischen Erscheinung Maria mit dem Kinde.

Zu Marias Rechten befindet sich die heilige Barbara aus dem kleinasiatischen Städtchen Nikomedien. Laut der Legende wurde sie im 3. Jh. von ihrem Vater in einen Turm gesperrt, um sie vom Christentum abzuhalten. Als sich Barbara trotzdem taufen liess, beschloss ihr Vater sie zu töten. Barbara konnte in einen Felsspalt fliehen, der sich wie durch ein Wunder vor ihr öffnete und sie verbarg. Deshalb haben die Bergwerkarbeiter die Heilige später zu ihrer Patronin erwählt. Barbara wurde aber von einem Hirten verraten und von ihrem Vater umgebracht. Ihr Attribut, der Turm, gilt als Symbol der Standhaftigkeit im Glauben. Der Kelch ist Sinnbild für das Martyrium.

Zur Linken Marias steht Bischof St. Germanus von Paris (496 – 576). Er wirkte von 550 bis 576 als Bischof von Paris und setzte sich als Prediger für die Gefangenen ein. Heute ist Germanus vor allem aufgrund einer Klostergründung bekannt. Um dieses Kloster herum entwickelte sich der gleichnamige Stadtteil von Paris, Saint-Germain. Germanus ist Patron der Gefangenen und der Musik. Seine Existenz auf dem Marienaltar erhärtet die These, dass dieser einmal in St. German stand.

Seitenflügel: Die Bilder weisen Merkmale der Renaissance auf: Die Hauptfigur ist proportional grösser dargestellt als die andern Figuren. Meist erhalten wir durch ein Fenster Ausblick in die Landschaft. Bei den Kleidern ist der reiche Faltenwurf typisch für die Renaissance.

Drei der Flügelgemälde erzählen die Weihnachtsgeschichte. Maria trägt auf allen Bildern dasselbe Gewand. Ihr weisser Mantel und ihr Kind heben sich deutlich vom dunkel gehaltenen Hintergrund ab.
Linker Flügel Aussenseite
Der Engel Gabriel verkündet Maria die Geburt Jesu. Augenfällig ist der bereits erwähnte üppige Faltenwurf, hier in Kleidern, Vorhang und Teppich.
Linker Flügel Innenseite
Geburt Jesu. Die Krippenszene ist nicht wie üblicherweise in einem Stall, sondern in einer Ruine dargestellt. Im Hintergrund verkündet ein Engel den Hirten die frohe Botschaft.
Rechter Flügel Innenseite
Anbetung der drei Weisen aus dem Morgenlande. Im Freien warten die Begleiter der drei Weisen. Auf einer Fahne erkennt man das türkische Banner.
Rechter Flügel Aussenseite
Die Thematik des rechten Flügels der Aussenseite ist losgelöst von der Weihnachtsszene. Links im Bild steht die heilige Katharina von Alexandrien (Ägypten). Ihr Attribut ist ein Schwert als Symbol für ihren Märtyrertod. Sie lebte laut christlicher Überlieferung um 300 nach Chr. und ist die Schutzpatronin des Wallis. Neben ihr befindet sich die heilige Apollonia, Patronin der Zahnärzte. Sie lebte im 3. Jh. ebenfalls im ägyptischen Alexandrien. Die Zange weist auf die Art ihres Martyriums hin, bei dem ihr alle Zähne gezogen wurden.
Der Altar bietet Gelegenheit, sich in die weihnachtliche Botschaft der Bilder zu versenken.
"Das Geheimnis der Weihnacht besteht darin, dass wir auf unserer Suche nach dem Grossen und Ausserordentlichen auf das Unscheinbare und Kleine hingewiesen werden." (unbekannt)

Rosmarie Treyer-Heuberger

Die Informationen wurden einem Ordner im Archiv der Pfarrei entnommen. Darin befindet sich auch eine ausführliche Beschreibung des Altares aus dem Jahre 1966 von Schülerinnen des städtischen Gymnasiums Basel, Käthi Müller, Ruth Huggenberger, Rosmarie Böckli und Evelyn Brassel.
Sektion Pfarrei
modifiziert von Sarah Schmid
aktualisiert am 29.12.2011
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